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24. Jan. 2019

Süßstoffe und die Darmmikrobiota: Eine wissenschaftliche Überprüfung

Seit dem Start des Human Microbiome-Projekts durch das National Institutes of Health im Jahr 2007 erhöhte sich das Interesse an der Mikrobiota des menschlichen Darms erheblich. Nicht nur Wissenschaftler, sondern Angehörige sämtlicher Gesundheitsberufe möchten mehr über den Zusammenhang des Mikrobioms mit unserer Gesundheit und die Auswirkungen der von uns verzehrten Lebensmittel und Getränke wissen. In den letzten fünf Jahren wurde daher auch der potenzielle Einfluss von Süßstoffen auf das Mikrobiom diskutiert. Eine nun in der Fachzeitschrift Food and Chemical Toxicology erschienene wissenschaftliche Arbeit (1), fasst die vorliegenden Studien zusammen und beurteilt ihre Aussagekraft

Individuelle Unterschiede erschweren es, den Einfluss einzelner Lebensmittel zu verallgemeinern

Insgesamt deuten Studien darauf hin, dass Änderungen der Ernährung die Zusammensetzung und Funktion des Mikrobioms verändern können. Da es zwischen den Individuen aber Unterschiede in der Reaktion des Darmmikrobioms auf die Ernährung gibt, warnen die Forscher davor, den Einfluss bestimmter Ernährungskomponenten zu verallgemeinern. Sie weisen darauf hin, dass in Interventionsstudien zur Beurteilung der Auswirkungen verschiedener Zutaten, vor allem die in kleinen Mengen der Diät zugesetzt wurden, die Ernährung der Probanden bestimmt und die Interventionsdiäten sorgfältig kontrolliert werden muss.

Süßstoffe haben keinen Einfluss auf das Mikrobiom

Die Besorgnis über die Wirkung von LNCS auf das Darmmikrobiom wurde durch eine 2014 von israelischen Forschern durchgeführte Studie angestoßen (2). Die Studie kam zu dem Schluss, dass der Konsum von LNCS die Zusammensetzung und Funktion des Darmmikrobioms verändert, was zu einem erhöhten Risiko einer Glukoseintoleranz führt. Obwohl wissenschaftliche Medien und Experten die Schlussfolgerungen der Studie in Frage stellten und auf die Einschränkungen bei der Versuchsplanung und der Analyse hinwiesen, wurde die Berichterstattung dazu vorangetrieben.

Von 17 Studien nur 3 Humanstudien

Die Autoren des neuen Artikels untersuchten 17 relevante primäre Forschungsartikel, in denen die Wirkung der Süßstoff-Aufnahme auf das Darmmikrobiom untersucht wurde. Die meisten davon waren Tierversuche, hauptsächlich mit Nagetieren. Nur drei wurden mit Menschen geführt. Eine Tabelle in der Arbeit bietet eine detaillierte Zusammenfassung der Studien.

In den meisten Studien gab es Einschränkungen und verwirrende Faktoren, darunter das Fehlen geeigneter Kontrollgruppen, die Verwendung von Süßstoff-Dosen in den Tierstudien, die weit über der für den Menschen äquivalenten aktuellen akzeptablen Tagesdosis (ADI) lagen und damit völlig unrealistisch sind. Ein weiteres ausschlaggebendes Kriterium ist die mangelnde Relevanz für die Übertragung von Ergebnisse aus Tierversuchen auf Menschen. Die meisten Bakterien in Mäusen sind im menschlichen Darm nicht vorhanden, so die Wissenschaftler.

Fehlen von Kontrollgruppen
Unrealistisch hohe Süßstoffmengen
Ergebnisse aus Tierversuchen nicht uneingeschränkt auf Menschen übertragbar
Gewohnheitsmäßige Nahrungsaufnahme der Versuchsteilnehmer nicht erfasst

Keine der drei Studien am Menschen erfasste oder kontrollierte die tägliche gewohnheitsmäßige Nahrungsaufnahme. Daher sind Veränderungen im Darmmikrobiom nicht unbedingt auf den Süßstoff selbst zurückzuführen, sondern könnten auf Unterschiede in der Ernährung zwischen den Süßstoffverwendergruppen- und Nicht-Süßstoffverwender-Gruppen zurückzuführen sein.

Endstation Darm - nicht für alle Süßstoffe gleich

Darüber hinaus schließen die chemischen Strukturen und der Stoffwechsel von Süßstoffen jede mögliche Wirkung auf das menschliche Mikrobiom aus. Aspartam beispielsweise ist ein Methylester eines Dipeptids, der schnell zu zwei Aminosäuren und Methanol hydrolysiert wird, die im Dünndarm absorbiert werden. Daher gelangen weder Aspartam noch seine Metaboliten in den Darm, um direkt mit dem Mikrobiom zu interagieren.

Obwohl der größte Teil der verbrauchten Sucralose nicht resorbiert wird, wird er auch nicht verdaut und ist daher kein Substrat für das Darmmikrobiom. Saccharin und Acesulfam K werden im Dünndarm nicht metabolisiert, sondern schnell und unverändert im Urin ausgeschieden. Daher kommen diese Süßstoffe nicht in Kontakt mit dem Colon-Mikrobiom, um eine Wirkung zu erzielen.

Steviolglykoside, einschließlich Steviosid und Rebaudiosid A, durchlaufen den Gastrointestinaltrakt  unabsorbiert und dringen intakt in den Dickdarm ein. Im Dickdarm entfernt das Mikrobiom den an das Steviol-Gerüst gebundenen Zuckeranteil und nutzt ihn zur Energiegewinnung. Da die tägliche Einnahme von Steviolglykosiden jedoch sehr gering ist, sollte dies keinen signifikanten Einfluss auf das Mikrobiom haben. Das Steviol-Gerüst, das zurückbleibt, ist kein Substrat für das Darmmikrobiom und wird praktisch intakt aus dem Dickdarm absorbiert. Während das Darmmikrobiom aktiv auf Steviolglycoside einwirkt, haben neuere Forschungen (3) gezeigt, dass Steviolglycoside in mit dem ADI vergleichbaren Konzentrationen das Darmmikrobiom nicht beeinflussten.

Schließlich sind die verbrauchten Milligrammmengen aufgrund der so intensiven Süßstoffe stets niedrig und deutlich unter den Werten, die erforderlich sind, um einen signifikanten Einfluss auf das Darmmikrobiom zu haben

Fazit: es gibt keine eindeutigen Belege

Die Autoren des Übersichtspapiers kommen zu dem Schluss, dass die vorliegenden Studien keinen eindeutigen Beweis für eine nachteilige Wirkung von Süßstoffen auf das Darmmikrobiom für den Menschen erbringen. Daher können sich Ernährungs – und Gesundheitsexperten darauf verlassen, Patienten, Kunden und Verbrauchern Süßstoffe als Option für die Süßung von Nahrungsmitteln und Getränken ohne Zusatz von Zucker oder Kalorien zu empfehlen.

(1) Lobach AR, Roberts A, Rowland IR. Assessing the in vivo data on low/no-calorie sweeteners and the gut microbiota. Food Chem Toxicol. 2019;124(December 2018):385-399. doi:10.1016/j.fct.2018.12.005

(2) Suez J, Korem T, Zeevi D, et al. Artificial sweeteners induce glucose intolerance by altering the gut microbiota. Nature. 2014;514(7521):181-186. doi:10.1038/nature13793

(3) Kelly, K.Daly, A.W. Moran, S.Ryan, D. Bravo, S.P,Shirazi-Beechey. Composition and diversity of mucosa-associated microbiota along the entire length oft he pig gastrointestinal tract, diatary influences. Environ.Microbiol., 19 (2017), pp. 1425-1438

 

„Bildquelle: iStock/jemastock“.

Diplom Oecotrophologin Anja Krumbe

Anja KrumbeÖffentlichkeitsarbeit Deutschland

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